Bauchfrei und Radlershorts

Zurück in die 90er Jahre

Die 90er Jahre
Admin

Radlerhosen tragen, ohne ein Sportprofi zu sein? Bauchfreie T-Shirts liebevoll mit der wohl bekanntesten Jeans aller Zeiten,  der Levi’s 501, kombinieren? Ein frecher Seitenzopf und dazu grelles, für den heutigen Geschmack durchaus als geschmacklos geltendes Make-Up kombinieren? Meine Damen und Herren, ich kann Sie beruhigen: wir sind nicht mit einer Zeitmaschine zurück in die 90er Jahre gereist, wir befinden uns lediglich in einer alten Folge meiner – für mich lange Zeit in Vergessenheit geratenen – Lieblingsserie Beverly Hills 90210.

Ein verlängertes Wochenende wollte ich der Großstadt den Rücken kehren, um im Heimatdorf am schönen Rhein elterlichen Unterschlupf zu genießen. Sorgenfrei und mit dem festen Vorsatz im Gepäck, endlich den Kleiderschrank des alten Kinderzimmers auszumisten, machte ich mich also auf die Reise in Richtung Süd-Westen unseres Landes, um – umgeben von den schönsten Weinbergen und guter Natur – die Erholung mit dem Nützlichen zu verbinden. Wenn man bereits Jahre von zu Hause ausgezogen ist und nur selten den Weg in die alte Heimat findet, ist es nur mehr als gerecht, wenn man seine alten Zelte abschlägt und (wie in meinem speziellen Fall) das alte Kinderzimmer räumt, um Platz für ein schönes modernes Gästezimmer zu machen. Da das Ganze aber auch Spaß machen sollte, lud ich die beste Freundin ein, wir köpften eine Flasche Sekt und begannen mit den Klassikern.“ Everybody groove to the music, everybody jam…“ dröhnten die Backstreet Boys aus dem alten CD-Player (ja, es gab eine Zeit, da benutzte man diese Geräte noch!) und wir begannen, einen Blick in den Kleiderschrank zu werfen. Oh mein Gott – da war sie, die Erkenntnis! Alles, was ich darin fand, hatte ich nicht nur in meinem Schrank ganz hinten im letzten Eckchen versteckt: meine Erinnerung wuchs jedoch mit jedem einzelnen Teil und so fiel mir zum Beispiel wieder ein, dass mir ein Junge, in den ich mit zwölf Jahren sehr verliebt war, einen großen Wunsch erfüllte und mir eine Tattoo-Kette schenkte, die man hauteng am Hals trug. Ja, so ist es tatsächlich und ich war ziemlich stolz darauf. Pure Romantik, dagegen lässt sich wohl nichts sagen. Da ich damals schon ein großes Interesse an der Mode und ihren verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten hatte, ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch der eine oder andere schreckliche Trend den Weg in meinen kleinen Fundus fand. So standen neben meiner Levi’s 501 Jeans (ich erinnere mich noch, als ich Nirvana hörend in meinem Zimmer saß und ballgroße Löcher in den Kniebereich der nagelneuen Jeans schnitt) auch die Schuhe, die die Nation bereits damals spalteten: die Buffalos, auch Autoreifen oder Tower genannt.

Aber was wäre ein Trend, wenn es nicht auch genügend Menschen gäbe, die ihn verfolgten? Ohne Jugendliche wie mich, die versuchten, durch Mut zur Hässlichkeit ein Statement zu setzen und vielleicht auch ein kleines bisschen zu provozieren? Hätte es uns nicht gegeben, dann wären die 90er doch heute nicht, was sie sind – ein Jahrzehnt, an das wir uns sehr gut erinnern, uns aber nur sehr langsam wieder heranwagen und uns doch dabei ertappen, wie sich das eine oder andere 90er ähnliche Kleidungsstück den Weg zurück in unseren Kleiderschrank bahnt. Die seitlich-sitzenden Frisuren haben es ja bereits geschafft und auch die einst verhassten Leggings sind kaum noch aus der aktuellen Mode wegzudenken. Weiteres Wühlen und Gramen, ein paar Schlückchen Sekt und eine Runde „Get down and move it all around“ brachten ihn dann hervor: meinen Lieblingsduft zu dieser Zeit. Der Repräsentant vieler Emotionen und glücklicher Momente. Ein null, der den Namen einer amerikanischen Postleitzahl trägt und für mich so viel mehr bedeutete als ein paar einfache Ziffern: 90210 Beverly Hills – die Idole meiner Jugend. Kurz daran geschnuppert, musste ich feststellen, dass der Duft so gar nicht mehr dem entsprach, wonach ich heute suche. Der süßliche Geruch (sicherlich auch durch die Jahre ein wenig verfälscht) passt überhaupt nicht zu den schnörkellosen Gerüchen, die ich mir heute aussuchen würde. Aber – und das ist ganz typisch für Düfte und der Grund, warum man so viel mit ihnen verbindet – 90210 versprüht noch heute so viel mehr als seinen bloßen, leicht süßlichen Geruch. Also Augen zu und hinein in die 90er Jahre, hinein in eine Zeit voller Star-Sammelalben, voller Tamagotchis, Gameboys und Techno-Cover-Songs auf Ghetto-Blastern, voller Loveparade und Disco-Besuchen, Viva, Sonnenblumenprints und Kuhfell-Mustern, blauen Wimpern und grünen Augenbrauen á la Marusha. Zurück in eine Zeit, die die Geister und Gemüter scheidet, die Fans aber auch viele Gegner mitbringt, eine Zeit, die  aber vor allem eines ist: meine Kindheit.