Die etwas andere Geschichte vom Froschkönig

Es war einmal…

Es war einmal..
Kaliopi Stefanidou

…der Traum vom Frosch. Natürlich nicht der glibberige, warzenhäutige, giftgrüne Frosch. Nein, es war einmal der Walt Disney Frosch. Der, den man süß findet, so ähnlich wie mit den Ratten in der Disney Animation Ratatouille. Denn da hörte man auch aus den verschiedensten Ecken des Kinosaals „Ahhs“, „Ohhs“ und „Wie süß!“ – die Tatsache ignorierend, dass diese Viecher auf dem Hinterhof eines Berliner Restaurants oder im Keller des eigenen Mietshauses nicht mehr so süß sind. Ich will auch gar nicht wissen, wie viele Familien diesen Film innerlich verfluchen müssen, weil sich die Sprösslinge keinen Hundewelpen zu Weihnachten wünschen, sondern eine Ratte so süß wie Remi. Aber nun ja, zurück zu dem Frosch.

Es war also einmal der Frosch. Besser gesagt: Es war einmal die kleine Emma, die schon in frühen Kindheitstagen nichts sehnlicher wollte als irgendwann ihren Traumprinzen zu finden und zu heiraten…und sie lebten glücklich bis…blablabla, den Rest kennt ihr ja. Lotta litt an einer sehr schlimmen Form von Rosarotbrillitis, besser bekannt als „Das extreme Naivitätssyndrom“. Seit dem Tag, an dem ihre große Schwester ihr die Geschichte vom Froschkönig erzählt hatte, war sie der festen Überzeugung, der Traumprinz verstecke sich in dem Körper eines dieser Glibberviecher. Sie verließ nie das Haus ohne ihren Lippenstift von null aufzutragen. Denn jemanden zu küssen, egal ob Frosch oder Mensch, kann man nur mit einem schön bepinselten Mund, wie sie immer zu sagen pflegte. Überzeugt davon, dass die Geschichte des Froschkönigs real ist, zog die kleine Emma(mittlerweile volljährig) jeden Tag durch die Straßen ihrer Stadt, auf der Suche nach DEM geeigneten Frosch. Das war immer mit viel Zeit verbunden, denn für den Fall, sie würden ihn finden, musste sie natürlich perfekt aussehen. Man stelle sich mal vor, der Frosch verwandelt sich in den begehrten Prinzen und sieht sie in ausgebeulten Jeans, ungemachten Haare und blass wie ein Gespenst.

Außerdem besaß sie für jede Tages- und Jahreszeit einen anderen Duft. Denn man stelle sich vor, ihr Prinz würde sich zur Winterzeit zurückverwandeln und das erste was er riecht, wäre ein Sommerduft. Das würde den armen Kerl doch völlig durcheinander bringen, jetzt wo er sich doch schon an ein anderes Jahrtausend gewöhnen muss (ihr Prinz ist nämlich seit über tausend Jahren verwandelt). Auf ihrer rosa Kommode hatte sie all ihre Düfte drapiert: Boss Orange Woman für den Sommer und ja nie zur Abendzeit. Laura Biagiotti Venezia für den Herbst und auch nur abends. Marc Jacobs Oh Lola im Frühling – ihr absoluter Lieblingsduft, weil nicht nur der Duft ihrem Geschmack zusagt sondern auch der rosa Flakon (Rosa war selbstverständlich ihre Lieblingsfarbe).

So geschah es, dass sie sich an einem Nachmittag im April wieder auf Froschsuche begab. Dieses Mal entdeckte sie einen besonders großen und glibberigen Frosch. Mit ihrem Duft von Marc Jacobs Oh Lola und einem besonders tollen Augenaufschlag, dank Helena Rubinstein, zückte sie ihren Lippenstift, zog sich die Lippen noch mal nach und steuerte schnurstracks auf den wuchtigen Grünling zu. Sie packte sich den vor Schreck laut quakenden Frosch, spitzte die Lippen und gab ihm einen fetten Schmatzer. Und tatsächlich, das schien ihr Glückstag zu sein. Funken sprühten und – puff! – aus einer Wolke voller Glitzer stand ein – naja, sagen wir etwas pummeliger und zu klein geratener – Mann vor ihr…pardon Prinz. Doch das alles interessierte Emma nicht. Alles was sie sah, war der Prinz, auf den sie ihr ganzes Leben gewartet hatte. Ihr Wunsch ging endlich in Erfüllung! Und sie lebten glücklich und zufrieden…naja, nee nicht ganz.

Nach drei Monaten trennte sich Emma von ihrem Frosch. Ihre Begründung: Er war ihr einfach zu altmodisch. Diese hochgestochene Sprache und das Machogetue waren einfach nichts für sie, wie sie sagt. Heute lebt sie mit Ingo aus der KFZ-Werkstatt von nebenan zusammen, in einem Reihenhaus mit einem kleinen Tümpel voller Frösche. Ihre Lieblingstiere, wie sie sagt, und manchmal, wenn das Geld gerade knapp ist, gibt es halt die französische Spezialität zum Essen. Froschschenkel!