Eine Woche ungeschminkt

Der Selbstversuch mit Aha-Effekt

Ungeschminkt
Admin

Ich bin eine Schmink-Uschi, schon immer. Neue Make-Up-Kollektionen verursachen bei mir Herzklopfen. Beautyblogs sind meine kleine Bibel und das Ausprobieren neuer Produkte ein Heidenspaß. Ist etwas limitiert, werde ich zum unerbittlichen Jäger! Sobald das Produkt der Begierde dann endlich Teil meiner etwas zu groß geratenen Kosmetiksammlung ist, geht es ans Ausprobieren. Mit einer Engelsgeduld teste ich meine neue Errungenschaft und erfreue mich an ihr, weil ich sie – natürlich – schon immer ganz unbedingt gebraucht habe! Nicht viele Menschen können diese Obsession nachvollziehen. Viele kennen mich gar nicht ungeschminkt. Sie wundern sich über meine grenzenlose Begeisterung, während ich von einem wunderschönen neuen Cremerouge schwärme. Irgendwann war dann Schluss mit lustig. „Traust du dich überhaupt ohne null vor die Tür?“, fragte mich ein Freund neulich. Das war der Startschuss für meinen Selbstversuch – eine Woche ungeschminkt. Dem zeig ich’s!

Ungeschminkt und keinem fällt’s auf?

Mein Wille ist eisern, wenn ich mir etwas vorgenommen habe. Ich verabschiedete mich mit einem tränenden Auge von meinem tollen neuen Yves Saint Laurent Rouge Pur Couture Lippenstift, der sich kurz vorher noch in meine Sammlung geschlichen hatte. Ich schminkte mich ein letztes Mal ab und stellte es mir durchaus entspannend vor, diesen allabendlichen Schritt einzusparen. Am nächsten Morgen kam mir diese Idee aber plötzlich wahnsinnig bescheuert vor. Kein Concealer bei den Augenringen? Ich wollte schon schummeln und mir einen getönten Augen-Roll-On unter die Augen tupfen – da fiel mir wieder der freche (aber durchaus berechtigte) Kommentar vom Vortag ein. Also putzte ich mir nur die Zähne und frühstückte etwas. Dann ging ich 20 Minuten zu früh zur Arbeit – weil ich beim Weckerstellen total vergessen hatte, dass mir das morgendliche Aufhübschen ja verwehrt bleibt. Und dort passierte dann das Außergewöhnliche: nichts! Keine Reaktionen, niemandem fiel auf, dass ich ungeschminkt war. Komisch, wo ich doch früher des Öfteren gefragt wurde, ob ich krank sei, wenn ich das Make-Up mal weggelassen hatte. Ein echter Triumph!

Ungeschminkt – Sinn oder Unsinn?

Auch in den nächsten Tagen äußerte sich niemand zu meiner neuen Erscheinung. Das kam mir Spanisch vor. Irgendjemandem muss das doch auffallen, oder? Als ich meine Kollegin darauf ansprach, fokussierte sie mein Gesicht und meinte: „Stimmt, jetzt wo du es sagst.“ Mist, hätte ich bloß nichts gesagt! Aber ihr Urteil war weder vernichtend, noch erhebend. Sie hatte den Unterschied einfach nicht bemerkt. Wir philosophierten ein bisschen über den Sinn und Unsinn meines Selbstversuchs und ich fühlte mich gestärkt darin, ihn bis zum bitteren Ende durchzuziehen. Am vierten Tag fehlte mir mein Schminkritual doch sehr. Meine geliebte Clinique Even Better Foundation lachte mich beim Zähneputzen an, aber ich widerstand der Versuchung schweren Herzens. Ich schaute in den Spiegel und ärgerte mich über den immer selben Anblick. Ist es das was mir fehlte? Die Abwechslung? Ich sollte es noch rausfinden.

Ungeschminkt vs. Geschminkt

Als ich mich am vorletzten Tag des Experiments mit einer Freundin traf, geriet ich in eine blöde Zwickmühle. Sie quatschte über ihre neue Lieblingsmascara, die ich natürlich UNBEDINGT ausprobieren müsste. Na super. Ich versuchte das Thema zu wechseln, doch sie fiel mir ins Wort. „Wenn ich dir schon so einen Geheimtipp gebe, dann musst du mir aber auch endlich dein neues Wundermittel verraten.“ Was meinte sie? „Na du hast dir doch garantiert irgendeine teure null gekauft. Oder warum sollten deine Poren so unverschämt klein geworden sein?“. Ich kann es nicht leugnen. Dieses Lob freute mich mehr als jedes Kompliment über meine Schminkkünste. An dem letzten Tag, an dem ich ungeschminkt durchs Leben schritt, reflektierte ich die vergangene Woche und sah alles rosarot. Länger schlafen, eine bessere Haut, weniger Ausgaben – riesengroße Vorteile, die ich mir auch heute noch oft ins Gedächtnis rufe.

Aber ich will ehrlich sein: Das ist mir viel zu langweilig!