Tag vs. Nacht

Lea und Kaliopi über die Frage der schönsten Tageszeit

Tag vs. Nacht
Kaliopi Stefanidou

Die Tage werden kürzer, es wird schnell dunkel und wir in der Redaktion haben überlegt: Tag oder Nacht? Wann fühlen wir uns am wohlsten?

Kaliopi:

Die kühnsten Dummheiten werden in der Nacht begangen, die furchtlosesten Abenteuer erlebt, die übermütigsten Versprechen werden gegeben und die irrationalsten Entscheidungen getroffen. Die Nacht ist schwarz, die Nacht ist mystisch und kennt unsere tiefsten Abgründe, Geheimnisse und Wünsche. Ich bin ein bekennender Nachtmensch. Die kreativsten Ideen fallen mir in den späten Stunden ein und auch wenn mich manchmal immer noch dieses unheimliche Gefühl beschleicht, das ich als Kind hatte, wenn ich zu Bett ging, so muss ich feststellen, dass ich darauf stehe. Sie lehrt einen das Fürchten, schenkt aber auch unheimlich viel Mut.

Ich liebe die Nacht aber nicht nur an den Wochenenden. Nein, auch unter der Woche ist sie ganz wundervoll und zwar aus einem ziemlich simplen und auch gesunden Grund: Des Schlafens wegen. Ja, ich schlafe gerne vor allem, wenn ich am nächsten Tag früh raus muss. Vorbei die Zeiten des Durchmachens und der absurden Idee, nach einer durchzechten Nacht mit einer Stunde Schlaf und der nicht verschwinden wollenden Alkoholfahne, zur Arbeit zu marschieren. Wenn ich ehrlich bin, war das nie mein Stil, nicht zu Schulzeiten und auch nicht jetzt. Ich hasse es, unausgeschlafen zu sein und deswegen gibt es ein Hoch auf die Schlafenszeit.

Was soll ich sagen? Es gibt so viele Dinge, die ich an der Nacht liebe. Ganz offensichtliche Gegebenheiten wie den Mond und die Sterne. Nachts auf der Dachterrasse liegen und auf Sternschnuppen warten, zu Träumen und die kühle Luft einatmend, den null der verschiedenen Jahreszeiten bei Nacht zu genießen. Wundervolle Sommernächte, wenn es überall nach Hortensien duftet und die Grillen zirpen. Wenn man im luftigen Sommerkleid durch die Nacht tanzt und obwohl man kein null benutzt hat, ganz wundervoll aussieht, weil der Tag uns genug Sonne schenkte und wir unseren Teint des Nachts der Welt präsentieren können. Im Herbst duftet der abendliche Himmel nach Laub und bestimmten Aromen, die als Vorboten des Winters fungieren. Und wenn der Winter dann da ist, mit seinem weichen samtigen Schnee, dann gibt es nichts Schöneres als eingemummelt in dicker Winterbekleidung einen kleinen Schneespaziergang zu machen, durch die sternenklare Nacht, der klirrenden Kälte und ihren ganz eigenen Duftnoten nach Zimt und Vanille.

Vielleicht liebe ich die Nacht so sehr, weil sie unberechenbar ist. Manchmal schüttelt es mich, wenn ich an manchen Tagen wach werde und das Geschehene Revue passieren lasse(der gute Alkohol war dann meist mit von der Partie). Aber andererseits spielen sich die schönsten meiner Anekdoten des Nachts ab. Ich habe die intimsten und schönsten Momenten an solchen Abenden verbracht, wundervolle Gespräche geführt, DVD -und Raclette Abende veranstaltet, verrückte Sachen erlebt, die wildesten Partys gefeiert und tatsächlich die eine oder andere Dummheit begangen. Die Nacht weicht so sehr von der Realität ab und meine große Zuneigung zu ihr lässt sich wohl deswegen am ehesten begründen. Wenn die Sonne untergeht dann ist alles möglich und man kann den Stress des Tages, des Alltags hinter sich lassen. Denn wenn ich genau darüber nachdenke, fällt mir auf, dass all die lästigen Dinge im Leben am Tage erledigt werden müssen. Blöde Rechnungen, unangenehme Finanzberater, lästige Einkäufe und dreiste GEZ-Angestellte, die sich niemals in der Nacht blicken lassen würden. Ich glaube, der Tag ist ein Roboter, während die Nacht eine Seele besitzt. Klingt ein bisschen verrückt, aber bestimmt ein Satz der mir des Nachts eingefallen ist!

Lea:

Was ist eigentlich schöner, der Tag oder die Nacht? Diese Frage ist äußerst schwierig und ich bin mir nicht sicher, ob ich sie so einfach beantworten kann. Da die Frage in unserer Redaktion nun aber schon öfter im Raum stand, kam ich nicht umhin mich zu fragen, welche der beiden Tageshälften meine favorisierte ist. Fest steht, ich liebe es  zu schlafen. Aber mit dem Schlaf wäre das Repertoire an nachttypischen Aktivitäten dann auch schon beinahe erschöpft. Außerdem ist es unserem Biorhythmus zu verdanken, dass wir in der Nacht nur äußerst selten in der Lage sind, einen wirklich klaren Gedanken zu fassen. Meine Kommilitonen, die bis in die späte Nacht hinein gelernt haben, konnte ich nie so wirklich verstehen. Schlaf ist wichtig für das Gemüt, für die Haut und auch für die Phantasie. Zerknautscht und unausgeschlafen aufwachen, das will doch eigentlich keiner. Also nutze ich die Nacht, um etwas sehr spießbürgerliches zu tun, nämlich um zu schlafen. Und wenn man diese Möglichkeiten  nun so mit denen des Tages vergleicht, steht der Gewinner eigentlich schon fest. An einem einzigen Tag kann man unglaublich viel erleben, man kann die Welt entdecken und die Dinge, die einen bewegen, klarer sehen. Während die Nacht dazu neigt, manche Dinge schlichtweg hoffnungslos erscheinen zu lassen, beschert uns der Tag Rationalität, durch welche die Dinge deutlich weniger tragisch wirken. Vielleicht mag ich genau das an dem Tag, er ist rational und ehrlich, während die Nacht eine mystische Stimmung verbreitet, bei der ich mich nicht immer wohl fühle. (Mal ganz ehrlich, nicht ohne Grund hat Jack the Ripper auch die Nacht genutzt, um „seiner Arbeit nachzugehen“.)

Ein einziger Tag kann vier verschiedene Kleider tragen. Je nach Jahreszeit hüllt er sich in ein anderes Gewand und ich würde keine einzige dieser wunderbaren Tage missen wollen. Im Frühling duftet es so angenehm nach Kirschblüten, dass ich es morgens kaum erwarten kann rauszugehen, um mich mit großer Freude auf mein Fahrrad zu schwingen, tief einzuatmen und die ersten lauen Tage ohne Mütze und Schal zu genießen.  Da wir früher die Sommer immer in Schweden verbracht haben, riecht diese Jahreszeit  für mich nach der frischen Meeresbrise Skandinaviens, aber auch nach meinem geliebten null, das ich jeden Sommer trage. Den Herbstgeruch mag ich besonders, denn sobald mir der Duft von Herbstlaub und Kastanien in die Nase steigt, weiß ich, dass es Zeit für Gemütlichkeit ist. Dann ist es Zeit für dicke Socken und Tee, Spaziergänge und ausgedehnte Kaffeeklatschrunden mit den Freundinnen. Und nun, was soll ich sagen, ein einziger Wintertag hält so viele verschiedene Gerüche parat, die man in der Nacht nur selten wahrnehmen würde. Im Winter duftet es nach Mandarinen und Lebkuchen, nach gebrannten Mandeln und Glühwein. Ein Wintertag ist so geruchsintensiv, dass ich ihn unter allen anderen Tagen erkennen würde. Ja, sogar der Schnee und die kalte Luft haben einen Geruch, der diese Tage jedes Jahr aufs Neue einzigartig macht. Je mehr ich über den Tag nachdenke, desto mehr mag ich ihn und freue mich über die Dinge, die ich an einem einzigen Tag erleben kann.