Verbotene Männer

Eine Kurzgeschichte zum Duft der ersten großen Liebe

Verbotene Männer
Admin

Ganz anders hatte sich Lena die Wüste vorgestellt. Dünen und Sand, bis zum Horizont. Hier gab es keinen Horizont und auch keine Dünen, hier gab es Berge und Hügel in den Farben Braun, Ocker und Rot. Ihre Oberfläche war weder scharfkantig noch grob. Sanft und gerundet zeichneten sie sich gegen das klare Blau des Himmels ab.

Der Jeep ließ ein Felsmassiv nach dem anderen hinter sich. Lena hatte längst die Orientierung verloren. Hier gab es nichts, wonach man sich richten konnte, keine Wegweiser und keine Straßen, und doch war die Erde zwischen den Hügeln von unzähligen Reifenspuren durchfurcht.

Mit Vollgas pflügte der Fahrer die holprige Piste entlang. Lena klammerte sich an Jens fest, der versuchte, das Gleichgewicht zu halten. Als sein Kopf einmal zu viel gegen die Seitenscheibe knallte, klagte er: „Wie fährt der denn? Ist der auf der Flucht?“

„Wir machen gleich eine Pause.“ Ihr Tour-Führer Ahmed saß vorne, mit der Hand gegen das Armaturenbrett gestemmt. Sein Deutsch war korrekt, nur sein Akzent klang wie das Bellen eines Hundes. „Wir müssen in Sichtweite des anderen Jeeps bleiben, wegen der Sicherheit.“ Er zeigte auf die Staubwolke vor ihnen. Der Fahrer schwieg. Er hatte bis jetzt noch kein Wort gesprochen, er hatte nicht einmal zurückgegrüßt, als sie in den Jeep gestiegen waren. Bis auf Augen und Nase war sein Gesicht vermummt. Lena fand ihn unheimlich.

In einem Tal, groß wie ein Fußballfeld und genauso kahl, hielten die beiden Jeeps an. Ein sperriger, eher breiter als hoher Baum krallte sich im Schatten des Berges in den felsigen Untergrund.

„Das ist Akazie, der einzige Baum, der in der Wüste überlebt.“ Ahmed berührte mit den Fingern den Stamm. „Er dient den Kamelen als Nahrung.“ Die unteren Äste waren kahl gefressen, die oberen mit kleinen, fedrigen Blättchen besetzt.

„Komm, mach ein Foto.“ Lena stellte sich unter dem Baum in Pose. Jens holte seine Kamera aus der gut gepolsterten Tasche und fummelte umständlich an den Knöpfen herum. Er war noch dabei, die Kamera richtig einzustellen, da kam Wind auf, verwirbelte Sand zu einem Trichter, jagte ihn die Wüste entlang. Lenas Lächeln verkrampfte. Unzählige scharfkantige Körnchen prallten ihr ins Gesicht, drängten in ihre Augen, in ihren Mund.

„Verdammt, meine Kamera.“ Jens pustete sie von allen Seiten ab.

„Hast du ein Bild gemacht?“

„Ist doch nichts Interessantes da.“ Er verstaute sie wieder.

Lena stellte sich mit dem Rücken zum Wind. Sie bereute, ihre kleine „Spielzeugkamera“, wie Jens sie nannte, nicht mitgenommen zu haben. Er hatte sich vor dem Urlaub eine Neue gekauft, eine „professionelle“. Nur die professionellen Bilder, die fehlten.

In einem touristischen Wüstendorf kauerten drei halb offene Zelte in einer Schlucht. Ahmed lud die Reisegruppe ein, auf einem Teppich Platz zu nehmen. Ihnen gegenüber saß ein junger, sehr dunkelhäutiger Araber, der einen gelben Kaftan mit Fransen trug und einen weißen Turban. Er röstete Kaffeebohnen über offenem Feuer, indem er sie in einem verbeulten Blechtopf scheppernd hin und her bewegte. Kaffeeduft breitete sich aus.

„Wer will, kann sich frischen Kaffee brühen lassen, echt arabisch, so, wie es hier üblich ist“, sprach Ahmed. Der Turbanträger füllte Wasser aus einem Kanister in einen verrußten Blechkessel um und setzte es zum Kochen auf. Die Kaffeebohnen schüttete er in einen Steinmörser und fing an, sie rhythmisch zu zerstoßen. Lena erspähte in der Ecke des Zeltes einen Sack Grillkohle. Er passte so gar nicht in die Wüste.

Der Kaffee kam in winzigen Tässchen ohne Henkel und war stark und dickflüssig vor Zucker. Er duftete nach Kardamom und Zimt.

„Er hat mich gar nicht gefragt, ob ich Zucker möchte“, nörgelte Jens, „Ich mag keinen süßen Kaffee, ich will lieber Milch.“

Die Sonne verschwand schon hinter den Felsen, als sie zurück in die Jeeps stiegen. In Ägypten gibt es keine Dämmerung. Wenn die Sonne untergeht, wird es sofort schwarz und kalt. Die Fahrt durch die nächtliche Wüste ängstigte Lena, sie sprach es aber nicht aus, wortlos kämpfte sie mit ihrer Beklemmung. Jens hielt schweigend ihre Hand, seine Handflächen waren nass. Erst als in der Ferne die Lichter von Marsa Alam aufblitzten, ließ er ihre Hand los und wischte die Finger an der Hose ab. Der Jeep fuhr jetzt ruhiger, er holperte nicht mehr über Löcher und Steine. Nach wenigen Minuten hielt er an. Ahmed drehte sich zu ihnen um und sagte, die Hand auf der Klinke: „Ich steige hier aus, der Fahrer bringt euch sicher ins Hotel.“

Lena wollte protestieren, aber er hatte schon die Tür zugeschlagen. Sie waren jetzt allein mit dem Fahrer, dem Lena nicht traute. Den ganzen Tag hatte er kein Wort gesprochen und jeglichen Augenkontakt vermieden. Jetzt waren sie ihm ausgeliefert, der zweite Jeep war längst weg.

Sie fuhren weiterhin auf die Lichter zu. In diesem Augenblick, in dem es Lena vorkam, sie würden immer blasser scheinen, stoppte der Jeep. Zwei Männer rissen die Seitentüren auf und drängten Lena und Jens in die Mitte der Rückbank. Sie sah eine Waffe auf sich gerichtet und schrie auf.

„Ruhe! Du ruhig, alles gut!“

Sie dachte: Wir werden entführt, wir werden echt entführt!

Berichte und Bilder aus den Nachrichten drängten sich ihr auf.

‚Kidnapping endet in einem Blutbad‘.

‚Geiseln seit drei Jahren vermisst‘.

‚Mama, wo bist du?‘

Ruhig, ruhig, du muss jetzt Ruhe bewahren, die Entführung ist vielleicht nur fingiert, Touristenspaß. So etwas gibt es doch, du hast es selbst schon gelesen.

Jens wimmerte. Sie drehte sich zu ihm um. Auch im Dunklen sah sie den Fleck auf seiner Stirn. Sie berührte die Wunde. Warm und schmierig fühlte sie sich an.

„Aua, bist du wahnsinnig?“, schrie Jens.

„Sie kein sprechen, sonst schlecht“, bellte der eine Kidnapper.

Die Wunde war echt! Wut stieg in Lena auf. Sie schrie: „Seid ihr bescheuert? Ich will raus hier! Sofort!“

Sie holte aus und schlug mit der Faust auf den Wortführer ein. Der Hieb traf ihn am Kopf. Er warf sich auf sie und presste ihren Körper gegen den Sitz. Sie schnappte nach Luft. Er packte ihre Handgelenke und hielt sie fest.

„Du nichts versuchen!“, fuhr er sie an.

Was soll ich machen? Schreien, heulen, trampeln? Wird er mich dann verhauen? Oder erschießen?

Sie drehte ihren Kopf zu Jens und flüsterte:

„Tut‘s weh?“

„Was glaubst du wohl?“

„Wie ist das überhaupt passiert?“

„Wie wohl?“ Jens stöhnte. „Ich habe versucht, den Kerl wegzuschubsen, da haut er mir mit der Pistole über den Kopf.“

Sie begriff: Widerstand bringt Schläge.

„Wir müssen uns ihnen erstmal fügen.“ Sie linste zum redseligeren Kidnapper hinüber. Sein Gesicht konnte sie nicht erkennen, nur sein weißer Turban leuchtete im Dunklen. Im Wagen roch es angenehm. Lena kannte diesen Duft, er erinnerte sie an etwas, sie wusste nur nicht, was es war. Kam er von ihrem radebrechenden Entführer? Sie schnupperte unauffällig an seinem Kaftan. Er roch nicht wie Jens oder andere Europäer, er roch anders gut – wie Kiefernwald in der Sommerhitze, wie braune Erde in Opas Garten, wie Omas Apfelkuchen. Sein Duft war ihr so vertraut, er verjagte ihre Angst, schlimmer noch, er weckte in ihr das Gefühl der Geborgenheit.

Sollte mich die Polizei jemals fragen, ob ich die Entführer identifizieren könnte, würde ich sagen: jawohl, ich muss nur an dem Verdächtigen schnuppern.

Lena fand den Gedanken so komisch, dass sie auflachte. Jens schniefte. Der Araber neben ihr rührte sich nicht, er ließ ihre Hände nicht frei. Sein Griff war fest, seine Haut trocken und glatt. Die Berührung war ihr nicht unangenehm.

Ich habe einen Schock, ich muss einen Schock haben, warum soll ich mich sonst zu einem Entführer hingezogen fühlen? Wieso will ich, dass er mich anfasst? Offenbar sind bei mir irgendwelche Synapsen durchgebrannt. Er ist doch ein Entführer, er ist böse, soll er doch seine Finger bei sich lassen.

Sie versuchte aus Prinzip, ihre Hände wegzuzerren. Er verstärkte seinen Griff.

„Aua, was habt ihr mit uns vor?“

„Ihr ruhig, nichts passieren, ihr nach Hause.“

Nichts passieren, nichts passieren, soll ich daran glauben?

Der Jeep verringerte die Geschwindigkeit, der Fahrer schien Ausschau zu halten. Plötzlich trat er auf die Bremse und sie wurden nach vorne geschleudert. Der Wortführer ließ ihre Hände los.

„Aussteigen! Alle Taschen geben.“

Sie nahmen Lena ihre Handtasche weg. Jens machte eine Geste, als würde er seine Kamera verteidigen wollen, händigte sie aber aus.

In der Dunkelheit der Wüste nahm Lena die Umrisse der Kamele war, die in einer Reihe auf dem Boden saßen. Mehrere Männer in hellen Kaftanen unterhielten sich mit den Entführern.

„Wir sind verloren!“, wisperte Jens, „Das war eine saublöde Idee mit der Wüstentour.“ Lena hörte die Anklage und dachte: Du hättest auch Nein sagen können.

„Uns wird schon nichts passieren.“, flüsterte sie.

„Nichts passieren? Woher willst du das wissen?“ Jens schrie fast.

„Ruhe!“, herrschte „ihr“ Entführer sie an und drängte sich zwischen die beiden.

„Du mitkommen, setzen.“, befahl er Lena und zeigte auf ein Kamel. Sie trat unsicher an das Tier heran. Er bestieg das Kamel und wies sie mit einer Handbewegung an, vor ihm Platz zu nehmen. Sie hatte noch nie auf einem Kamel gesessen, nur auf einem Pferd. Und obwohl sie schon überlegt hatte, eine Kameltour zu buchen, hatte sie sich bis jetzt noch nicht getraut. Nun musste sie.

Ein kurzes „Yah“ hallte durch die Wüstennacht und das Kamel stellte die Hinterbeine auf. Darauf war Lena nicht vorbereitet. Sie verlor das Gleichgewicht und kippte nach vorne. Doch bevor ein Angstschrei über ihre Lippen drang, packten zwei Hände ihre Taille und ein fester Männerkörper stabilisierte gekonnt ihren Sitz. Das Kamel schaukelte auf die Vorderbeine. Lena rutschte dabei ein Stück weiter nach hinten und presste sich ungewollt an die Brust des Reiters. Er stieß sie von sich: „Gerade sitzen, festhalten!“

Beschämt versteifte Lena ihren Rücken. Bin ich bescheuert, mich einem Entführer an den Hals zu werfen? Sie unterdrückte ein Schluchzen. Ich will ihn hassen, ich muss ihn hassen, warum fühle ich mich bloß zu ihm hingezogen?

Das Trampeln der Kamelhufe störte die Stille der Nacht. Der Sternenhimmel hing so tief, die Spitzen der Felsen schienen ihn abzustützen. Das Kamel vor Lena trug einen Stoffbeutel ums Hinterteil gebunden. Fast unhörbar ploppten die Kamelköttel in den Sack. Der Geruch nach Dung stieg auf. Lena versuchte, ihre Glieder zu entspannen, sie waren ganz steif vor Kälte. Die ausgeatmete Luft bildete milchige Wolken vor ihrem Mund.

Sie wusste nicht, wie lange sie schon unterwegs waren, als etwas Orangenes zwischen den Felsen aufblitzte und kurz darauf wieder verschwand. Sie dachte, sie hätte es sich eingebildet, da tauchte es wieder auf. Ein Feuer inmitten eines Zeltlagers.

Sie stiegen von den Kamelen ab und die Entführer drängten sie in Richtung Feuer. Lena wickelte sich im Gehen eine Decke um den Körper, die sie vom Boden aufgehoben hatte. Sie nahm Platz auf einem Felsbrocken. Jens setzte sich neben sie und streckte die Hände der Wärme entgegen. Ein alter Mann knetete Teig auf einem Stein, wälzte ihn zu einem Fladen aus und buk ihn auf einem Stück Blech. Mit bloßen Fingern packte er das heiße Backwerk, riss es in zwei Teile und reichte es ihnen. Der Duft des ofenfrischen Fladenbrotes stieg Lena in die Nase. Sie griff zu und verschlang es mit soviel Genuss, als wäre es eine Spezialität aus dem Hotelrestaurant. Jens schaute ihr entsetzt zu.

„Die waschen sich doch nicht die Hände.“, raunzte er, „Willst du krank werden?“

Der Wortführer der Kidnapper brachte ihnen Pfefferminztee in Blechtöpfen und setzte sich auf einen Stein neben Lena. Der Tee war noch zu heiß zum Trinken, sie stellte ihn auf dem Boden ab und schloss die Augen. Der Duft des Mannes beschleunigte ihren Puls. Sie spürte einen Schmerz in ihrem Herzen, den sie so quälend süß seit zehn Jahren nicht mehr gespürt hatte. Der Schmerz ihrer ersten Liebe, die für immer unerwidert geblieben war.

„Wollen Sie uns erschießen? Was wollen Sie von uns?“

Jens quakende Stimme störte die Erinnerung.

„Euch nichts passieren.“, sagte der Araber und erhob sich wieder.

Nein, geh nicht, bettelte Lena im Stillen.

„Wollt ihr Lösegeld?“ Jens erhob sich ebenfalls.

„Setzen!“, schnauzte der Araber und Jens klappte zusammen wie ein Campingstuhl. „Euch geht nichts an, Wüste Tod, ihr hier bleiben, verstanden?“

Jens heulte auf und nickte. Lena hatte im Reiseführer gelesen, nicken bedeutet bei den Arabern Verneinung.

„Wir bleiben hier.“, sagte sie schnell. Der Entführer setzte sich ans Feuer ihr gegenüber. Er war so anders als ihre erste Liebe, und doch weckte er die gleichen Gefühle in ihr. Sie war damals dreizehn Jahre alt und in einen Erzieher verliebt. Er war blond, sportlich und der Schwarm aller Mädchen im Ferienlager. In der letzten Nacht feierten sie Abschied am Lagerfeuer. Sie buken selber Brot, sie wickelten Hefeteig um Weidenruten und hielten es über der Glut. Lena drehte ihre Rute regelmäßig um, damit das Stockbrot gleichmäßig bräunen konnte. Die Jungs dagegen blödelten nur herum. Sie schlugen sich gegenseitig gegen die Stöcke und ihre Teigstücke landeten nacheinander im Feuer. Lenas Brot war fast gar, als ein Junge über ihre Rute stolperte. Das Brot fiel herab. Die Bengel grölten, statt ihr zu helfen, es mit dem Stock aus dem Feuer zu retten. Enttäuscht und gekränkt schmiss sie ihre Rute fort und floh. Der Erzieher kam ihr nach und setzte sich zu ihr auf einen Holzstamm. Die Luft roch so gut, nach harzigem Holz, nach Walderde, nach Rauch. Der Erzieher streifte das Stockbrot von seiner Rute ab und riss es entzwei. Sein Brot war zwar angekohlt und hart, hat Lena aber besser als alles Brot der Welt geschmeckt.

Jetzt, zehn Jahre später, berührte ein Entführer mit dem gleichen Duft ihr Herz. Der Geruch des Holzes, der Erde und der Nacht umgarnte Lenas Verstand, tarnte das Böse, kaschierte die Gefahr. Gab es ein Parfüm mit diesem Duft? Benutzte „ihr“ Araber überhaupt ein Parfüm?

Lena und Jens wurden in einem löchrigen Zelt untergebracht, sie konnten die Sterne sehen. Während sie auf der bloßen Erde lagen, mit unzähligen Steinchen im Rücken, bemerkte Jens: „Du scheinst nicht viel Angst zu haben.“

„Wir können doch nichts ändern.“, sagte Lena und drehte sich auf die Seite. Sie wollte jetzt nicht mit ihm sprechen. Sie wollte lieber die Augen schließen und von ihrer ersten Liebe träumen. Obwohl Jens neben ihr lag, war er ihr fern, wie ein Fremder. Er war Autohändler vom Beruf; Sonderwünsche mussten bei ihm vorbestellt und extra bezahlt werden. Auch im Leben.

Hell und still fing der Tag an. Lena kroch aus dem Zelt und hoffte, ihrem Entführer zu begegnen. Sie wollte ihn im Tageslicht sehen. Über dem Feuer kochte Wasser in einem Kessel. Ein alter Mann in einem grauen Turban und zerlumptem Kaftan lächelte Lena an. Nur noch wenige Zähne steckten in seinem Mund. Er stellte drei Blechbecher auf einen Stein und goss das sprudelnde Wasser hinein. Auf dem Boden ausgebreitet, trocknete Kameldung. Der Alte prüfte ihn mit einem Finger und warf eine Handvoll ins Feuer. Dann schüttete er Mehl auf einen Stein und drückte eine Mulde für ein wenig Wasser hinein. Schnell knetete er einen Teig, wälzte ihn mit einer Plastikflasche aus und buk ein Fladenbrot. Er reichte es Lena mit frischen Datteln zum Frühstück.

„Wo sind die anderen hin?“, fragte sie. Er redete und gestikulierte dabei, sie verstand nichts.

Den ganzen Tag hielt Lena Ausschau. Jens aß nur Datteln und trank süßen Pfefferminztee, das Brot rührte er nicht an.

„Wir werden unseren Flug verpassen.“, beschwerte er sich gegen Mittag und schüttete Zucker in seinen Tee. „Ich habe Hunger, es ist eine Frechheit, was sie uns hier zum Essen servieren.“

Ihr Flug ging in drei Tagen. Sie saßen hier mit dem alten Mann fest, der weder Deutsch noch Englisch noch Französisch verstand. Sogar mit Russisch hatte es Jens probiert. Der alte Mann lächelte nur sein zahnloses Lächeln und kochte für sie Tee.

„Was ist, wenn der stirbt?“ Jens wischte sich mit der Hand den Schweiß von der Stirn. „Wie lange wird es wohl dauern, bis jemand unsere Knochen findet?“

Lena stand auf und rückte dem Schatten des Berges nach. Der Wüstenstaub klebte an ihrer verschwitzten Haut. Sie sehnte sich nach einem Bad. Am besten eiskalt. Und sie sehnte sich nach ihrem Entführer. Sie wollte ihn sehen, seinen Duft riechen, es war wie eine Sucht. Wo war er? Sie hatte nicht mitbekommen, wann die Männer das Lager verlassen hatten. Nicht ein Kamel blieb.

Den ganzen Tag lauschte sie den Geräuschen der Wüste, hörte das Klappern von Hufen, immer wieder, doch es war nur der Wind, der sie irreführte. Spott mit ihr trieb.

Am Abend saß Lena am glimmenden Feuer und starrte in den Himmel. Vielleicht blickte ihr Entführer auch gerade in die Sterne? Jens verließ das Zelt und setzte sich neben sie.

„Kommst du nicht schlafen?“

Sie zuckte mit den Schultern. Er durfte ruhig wieder gehen.

„Oder wartest du solange, bis der Große Wagen vom Himmel herabkommt und dich nach Hause bringt?“ Jens lachte klebrig. War sein Lachen schon immer so nervig? Der alte Mann schnarchte in seinem Zelt. Lena stand auf. Im Schlaf vergeht die Zeit schneller.

Helligkeit drang durch Lenas geschlossene Augenlieder. Sie horchte und wusste: Nichts hatte sich verändert. Der Wind stöberte zwischen den Felsen, spähte unter die Zelttücher, wickelte Staub zu Schleierschwaden. In dieser Nacht war niemand gekommen.

Eine Mischung aus Resignation und Trübsinn hing an diesem zweiten Tag über dem Lager. Sogar der alte Araber lächelte nur noch mit den Lippen. Mit der Nacht kam der Groll.

Er hat mich hier in der Wüste alleine gelassen, ohne Wasser, ohne Seife. Schweiß und Staub verkleben auf meiner Haut zu einem Panzer. Wann wird er kommen, mich auf ein Kamel vor sich setzen, mich freilassen oder mitnehmen, egal. Ich rieche schlecht, ach was, ich stinke, während er in einem Wüstenpalast in parfümiertem Wasser badet. Meine Haut juckt, meine Lippen sind aufgeplatzt, meine Augen tränen, wegen Staub, wegen Schweiß, weil ich ihm egal bin. Er hat mich erniedrigt, er hat mich dazu gebracht, mich selbst zu erniedrigen, ich hasse ihn dafür, ich hasse mich dafür.

Das Trampeln der Kamele. Traum, Wirklichkeit? Kalt und dunkel. Ein Ruf durch die Nacht. Lena taumelt aus dem Zelt. Zwei Kamele, zwei vermummte Männer. Der eine kommt auf sie zu, rüttelt an den Zelttüchern; Jens krabbelt hinaus. Der Araber zerrt Lena zu den Kamelen, zeigt ihr, sie solle aufsteigen. Ihre Augen versuchen, die Nacht zu durchdringen. „Er“ ist nicht da. Sie brechen auf. Der Vermummte legt ihr eine Decke über die Schulter.

Wo bringen sie uns hin? Zurück ins Hotel? Oder in ein anderes Lager? Wartest du irgendwo auf mich? Werde ich mich waschen können, bevor du mich siehst?

Die Sterne verblassen. Die Entführer setzen sie in der Wüste aus.

„Hier Warten!“ Einer von ihnen stellt zwei Flaschen Wasser auf dem Boden ab. Lena protestiert, als er ihr die Decke von den Schultern zieht. Jens umarmt sie, sie spürt seine Tränen auf ihrer Wange. Die Entführer traben davon, treiben mit Rufen die Kamele an.

„Sollen wir hier verrecken?“, brüllt Jens und schmeißt einen Stein nach ihnen, trifft daneben. Sie drehen sich nicht einmal um.

„Jens, schau hier!“

Im ersten Sonnenlicht tauchen Details auf. Die Erde zwischen den Hügeln ist mit Reifenspuren durchpflügt.

„Wir sollen wohl per Anhalter ins Hotel fahren?“ Jens tritt nach einem Stein.

„Uns wird bestimmt jemand abholen.“

Und ins Hotel bringen, weit weg von Dir, von Deinem Duft. Warum hast Du mir nicht Lebewohl gesagt? Hast Du nichts gespürt? Wie soll ich Dich je finden? Ich kenne nur Deinen Duft.

„Sie kommen, sie kommen!“

Motorengeräusche. Räder rumpeln auf der holprigen Piste. Ein Polizeiwagen und ein Jeep rasen auf sie zu. Jens läuft ihnen entgegen und winkt, er springt wie ein Hampelmann. Lena kneift die Augenlider zusammen und versucht, die Menschen in den Wagen zu erkennen. Im Jeep sitzt nur der Fahrer. Er ist zu dick.

Bist du ein Polizist? Ein verdeckter Ermittler? So etwas gibt es doch auch in Ägypten?

Die beiden Polizisten steigen aus, der eine gibt Jens seine Kamera wieder, er ist runzlig und alt. Der andere hält Lena ihre Tasche entgegen.

Du bist nicht da.