Von Grau zu Veilchenblau?

Eine Kurzgeschichte zum Duft der ersten großen Liebe

Von Grau zu Veilchenblau?
Admin

Jeden Tag verließ ich die Wohnung, besuchte den Laden gegenüber, rannte zur U-Bahn und mischte mich unter die Menge. Meinen heißen Kaffee trank ich bis zur Zielstation aus und begann damit einen neuen Arbeitstag. Jeden Tag derselbe Ablauf, jeden Tag dieselbe U-Bahn mit denselben Menschen. Der alte Herr Ostrow mit seiner Zeitung, der sie immer auf demselben Platz las, meine Nachbarin Frau Schneider mit strengem Blick und üppiger Statur, die Kinder aus dem Gymnasium vier Straßen weiter und natürlich der Geschäftsmann Kürschner, der nie den gleichen Anzug trug.

Ich kannte so ziemlich alle Gesichter in diesem Abteil, habe aber nie auch nur ein Wort mit ihnen gewechselt. Sie leben alle in ihrer eigenen Welt, wollen nicht gestört werden und wirken viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Manchmal habe ich überlegt, was wäre, wenn jetzt eine schwangere Frau einsteigen würde. Würde Herr Ostrow ihr in der überfüllten Bahn seinen Sitzplatz überlassen? Würde Frau Schneider ihren strengen Blick in ein Lächeln auflösen? Oder was, wenn etwas Größeres passiert? Wenn zum Beispiel ein Feueralarm ausgelöst würde, ein Unfall, ein Stromausfall? Auch wenn die meisten Menschen froh wären, wenn ihnen so etwas nicht passieren würde, insgeheim wäre ich auf gewisse Art erleichtert. Es käme zumindest etwas Farbe in meine eintönige Welt.

„Lass mich, Fin!“, kicherte Amélie und lief zur Hängematte. „Du kleiner Angsthase!“, antwortete ich und kitzelte sie weiter. Ihr Lachen war so schön, dass ich vor Freude hätte platzen können. Ich mochte ihre langen braunen Haare und ihre großen Rehaugen. Hier und da hatte sie kleine Sommersprossen auf den Wangen und wenn sie lachte, wurde sie ganz rot.

„Bitte, ich kann nicht mehr!“, keuchte sie erschöpft und ließ sich in die Hängematte plumpsen. Als ich neben ihr lag, fragte sie mich: „Du Fin, wirst du irgendwann eine neue Freundin finden?“ Ich sah sie verblüfft an und stupste sie in die Seite: „Wieso das denn? Ich hab doch dich!“ Sie sah mich zufrieden an und legte ihren Kopf auf meine Brust. Ich strich ihr durch die Haare und flüsterte: „Ich glaube, du wirst für immer meine einzige Freundin bleiben.“ „Die einzige und wahre Liebe!“, kicherte Amélie. Wenn ich bei ihr lag, hüllte mich der Duft ihres Parfüms ein. Das hatte sie von ihrer Großmutter geschenkt bekommen. Es roch nach Veilchen, ihrer Lieblingsblume. Es war nicht stark, aber auffallend frisch und süß. Ich erkannte es schon von Weitem und wenn sie länger bei mir war, duftete sogar meine Kleidung nach ihr.

Ich war seit einem Monat 10 und sie acht Jahre alt. Wir hatten uns schon in der Grundschule gekannt, liefen immer zusammen nach Hause und waren eigentlich unzertrennlich. Im Sommer unternahmen wir jedes Wochenende etwas. Gern fuhren zum Schwimmbad in unserem Viertel. Sie saß immer auf meinem Fahrrad-Gepäckträger und wir sind in jeder Kurve fast umgekippt, weil ich mich ständig nach ihr umdrehte. Und wenn ich dann abends an meinen Sachen roch, dachte ich an Amélie, wie sie Veilchen pflückte. Ich schloss die Augen und versuchte den Duft so lange festzuhalten bis sie wieder bei mir war. Als sie Geburtstag hatte, habe ich sie auf einen kleinen Weg bei einer schattigen Wiese geführt. Dort wuchsen hunderte Veilchen und als sie die ganze Pracht erblickte, war sie hellauf begeistert. Sie legte sich direkt in das duftende Blütenmeer und lachte. Wenn ich sie so glücklich sah, dann war ich selber glücklich. Als sie aufstand, rochen selbst ihre Haare und Hände nach dem süßen Duft. „Jetzt bist du auch ein Veilchen.“, sagte ich zu ihr.

Sie war meine erste Freundin, die ich wirklich lieb hatte. Ich wollte immer bei ihr sein und wenn ich irgendwo ein Veilchen sah, musste ich sofort an sie denken. Ich habe es gepflückt und ihr mitgebracht. Die Freude in ihrem Gesicht war mein schönster Lohn.

Im Sommer darauf erfuhr ich von meinen Eltern, dass wir umziehen würden. 300 Kilometer weit fort von unserem Dorf. Als ich es ihr sagte, brach sie in Tränen aus. Ich versuchte sie zu umarmen, aber sie stieß mich weg. Wir schrieben uns noch eine Weile, doch nach zwei Jahren war auch der Briefkontakt abgebrochen. Ich sah sie nie wieder.

Inzwischen bin ich 28 und es ist nun 18 Jahre her, dass ich sie in meinen Armen hielt. Ich lebe nun in dieser Großstadt, die nicht aus Individuen sondern aus einer einzigen Menschenmasse zu bestehen scheint. Es ist grau und trist.

Wenn ich an meine Jugend denke, kommt mir alles viel farbiger vor. Die Bilder in meinem Kopf sind so hell und bunt. Man konnte so leicht in die Natur fliehen. Hier kommt man nicht so leicht heraus. Es gibt nur Arbeit und Geld. Lebendig fühle ich mich schon lange nicht mehr. Als ich mein Abitur bestanden hatte, begann ich zu studieren und zog mehrmals um. Ich konnte mich nie ganz entscheiden, wo ich hingehörte. Am liebsten wäre ich wieder in unser kleines Dorf am Waldesrand geflüchtet, aber wer würde dort schon auf mich warten.

Ich hörte, dass meine U-Bahn kam. „Mach schon…“, murmelte ich vor mich hin, als der Fahrkartenautomat meinen 5-Euro-Schein nicht annehmen wollte. Ich schob ihn widerwillig nochmals in den Schlitz, aber das Abfahrtssignal ertönte bereits.

Nun komme ich noch eine halbe Stunde später als sonst nach Hause. Na Klasse. Ich schaute auf die Anzeigetafel und überlegte mit einer anderen Linie zu fahren, die fünf Minuten eher ging. Rasch wechselte ich das Bahngleis zur Linie C.

Von da an lief alles anders als sonst. Ob es nun an der ungewohnten Strecke lag oder an der spontanen Entscheidung – ich weiß es nicht. Ich sah mich auf dem Bahnsteig um, vermied es aber, Fremden in die Augen zu sehen. Ich wollte keine Emotionen verspüren oder zeigen. Als meine Bahn kam, stieg ich ein und suchte mir einen Stehplatz, bei dem ich mich nicht ganz so sehr an andere Menschen drängen musste. Soweit normal.

Aber als sich an der vorletzten Haltestelle die Türen öffneten und ein Windstoß durch das Abteil pustete, fühlte ich eine wohlige Wärme in mir aufsteigen, gegen die ich mich nicht wehren konnte. Plötzlich nahm ich einen zart-süßen Geruch wahr. Ich sah mich um, aber niemand sonst schien etwas Außergewöhnliches bemerkt zu haben. Die Menschen neben mir rochen jedenfalls nicht so frisch und natürlich.

Ich schaute mich näher um, konnte aber nichts entdecken. Niemand da, der neu eingestiegen war und an dem ich unauffällig vorbei gehen könnte, um den geheimnisvollen Duft genauer zu erhaschen. Dieser Duft war einfach unbeschreiblich und er begleitete mich bis nach Hause. Aus irgendeinem Grund kam er mir bekannt vor, doch ich wusste partout nicht woher.

Ab diesem Abend wurden meine U-Bahnfahrten zur Jagd nach dem Ursprung dieses Geruches. Meine „normale“ Strecke fuhr ich schon lange nicht mehr, es gab nur noch die Linie C. Nachdem ich definitiv ermittelt hatte, dass das blumige Gemisch allabendlich an der vorletzten Haltestelle ins Abteil drang, entschloss ich mich irgendwann, auszusteigen und dem Duft einfach hinterher zu laufen. Er führte mich zu einem Blumenladen. Dort war es mir aber ganz und gar unmöglich, ihn aus all dem Blumenwohlgeruch herauszufiltern.

Um der Sache auf die Spur zu kommen, beschloss ich den Laden näher zu beobachten. Am Tag darauf verließ ich die Arbeit frühzeitig, um vor dem Blumenladen auf meinen vertraut-unbekannten Geruch zu warten. Ich stand dort fast zwei Stunden, doch niemand betrat oder verließ das Geschäft, der auch nur ein bisschen so frisch und lebhaft duftete.

Ich war schon im Begriff zu gehen, da stand plötzlich eine junge Frau neben mir, die sich ein Büschel Veilchen ausgesucht hatte. Jetzt konnte ich es ganz genau wahrnehmen: Sie war der Ursprung des Duftes. Sie roch wie die Veilchen, die sie in den Händen hielt. Sie musste es sein, die jeden Abend an meiner vorletzten Haltestelle Blumen kaufte.

Ich versuchte einen Blick auf ihr Gesicht zu erhaschen, was gar nicht so leicht war, da sie jeden Augenkontakt zu vermeiden schien. Doch als die Blumenhändlerin die blau-gelben Veilchen einwickelte, drehte sie sich kurz um und ich erkannte ihre rehbraunen Augen. Es wummerte in meiner Brust, ich spürte, wie es kribbelte, ich blieb wie angewurzelt stehen. Ihr Parfum streifte meine Nase. Ich war wie in Trance, als sie an mir vorbeischritt, ihre Augen auf die Veilchen gerichtet. Nichtsahnend. Wie sollte sie auch? Wie sollte sie wissen, dass sie so einen Einfluss auf mich hatte. Es wäre ihr sicher unheimlich gewesen. Als sie ihr Bündel Veilchen bezahlt hatte, lief sie die Straße hoch und bog links ab.

Ich musste ihr einfach folgen und entdeckte, dass sie in einer kleinen Wohnung über einem Bücherladen wohnte. Auf meinem Heimweg war die Luft auf einmal so mild. Es wurde Frühling.

Ab diesem Tag lag abends ein Bund Veilchen vor ihrer Tür mit einem kleinen Zettel: „Von Grau zu Veilchenblau?“ Sie las den Zettel jeden Abend bevor sie die Haustüre aufschloss und blickte sich forschend um. Ich tat alles, damit sie mich nicht dabei erwischte, wie ich ihr sehnsüchtig hinterher guckte, während sie meine Veilchen ans Herz drückte und sorgfältig ins Haus trug. Nach ein paar Wochen wuchs meine Zuversicht, und ich beschloss, mich zu erkennen zu geben.

Am nächsten Abend wollte ich sie ansprechen. Es fiel mir an diesem Tag nicht leicht mich auf die Arbeit zu konzentrieren. Die Zeit verging so langsam und jede Stunde fühlte sich an wie eine halbe Ewigkeit. Als ich endlich aus der U-Bahn ausstieg und zu ihrer Wohnung ging, sah ich, dass die Blumen, die ich ihr heute schon in meiner Mittagspause vor die Tür gelegt hatte, fort waren. Nur eine Blüte lag einsam auf dem Gehsteig. Ich hob sie auf und steckte sie vorsichtig in die Brusttasche meines Hemdes.

Enttäuscht und mit leicht zittrigen Knien betrat ich ein Café auf der gegenüberliegenden Straßenseite, um mich zu stärken. Ich bestellte einen Cappuccino und überlegte, wie ich es denn bloß anstellen könnte, sie anzusprechen ohne sie zu verschrecken. Ich nahm die leicht zerdrückte Blüte aus der Hemdtasche, um mir Mut zu machen. In diesem Moment wurde der wunderbare Geruch ganz intensiv. Ich las die dunklen Buchstaben, die auf die Blüte geschrieben waren: „Veilchenblau!“ Plötzlich ahnte ich die Wiese voller Veilchen und sie in ihrem weißen Sommerkleid.

Ich spürte jemanden in meiner Nähe und wandte den Kopf. Da stand sie und lachte lauthals vor Freude! Amélie mitsamt ihren Veilchen und Sommersprossen war endlich in mein Leben zurückgekehrt.